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Donnerstag, 7. Februar 2013

Deine Ahnen

Wenn wir aufhören, uns über unsere Vorfahren zu definieren und uns in einer Identität verorten, die uns im aktuellen Gefüge einordnet, uns also frei in einen selbstgewählten Bezugsrahmen stellt, dann brauchen wir nicht mehr mit dem Finger auf Jene weisen, die sich Traditionen bemächtigen, die nicht ihren Ahnen entsprechen. Wir können dann frei zugreifen auf alles, was die Vergangenheit uns bietet und müssen keine Angst haben, uns in der unübersichtlichen Fülle der Angebote zu verirren. Niemand muss getrennt sein von den Erfahrungen des Nachbarn. Wir könnten teilen.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Überall alles nur Rassismus oder schwarze Babies sind viel süsser als Weisse.

Natürlich habe ich Pippi gelesen. Als ein Kind der '70er war ich quasi zwangsverpflichtet, mir feministische Kinderliteratur zu Gemüte zu führen. Auch die rote Zora haben meine (weißen) alternativ-bürgerlichen Eltern mir gegeben. Jim Knopf hatte ich nicht und auch nichts von Preussler, das wäre nicht aufrührerisch und alternativ genug gewesen. Aber ich kannte Jim. Die Augsburger Puppenkiste 'n stuff. Ich hasste ihn. Wegen des N*Wortes. Ich hasste es, wenn am Sonntag die unsäglichen TarzanFilme liefen. Und andere in Afrika spielende Filme, alle aus der Perspektive der weissen Herrscher, mit kleinen, augenrollenden Schwarzen, die gleichförmig ängstlich reagierten, wenn der weisse Forscher ins unentdeckte Gebiet aufbrechen wollte. Ich wusste, was am nächsten Tag in der Schule los sein würde. Sie würden mich mit diesen dummen kleinen Menschen gleichsetzen. Wegen meiner Hautfarbe und weil sie gelernt hatten, das diese eine Kategorie ist. Das es eine Kategorie: Hautfarbe gibt. Keine für Brillenträger, Segelohrenträger, Zahnspangenträger, Stotterer, was auch immer. Da war kein:"Hah Hah, gestern war eine wie Du im Fernsehen, eine XY, alle XY's sind gleich, Du bist wie die im Fernsehen." XY war keine Kategorie.
Wenn ich mich beklagte, daß "die anderen Kinder mich N* genannt haben" dann sagten meine Eltern gutmütig: "Die sind nur neidisch. Die ganzen Weissen gehen doch ins Sonnenstudio, um braun zu werden, die sind alle neidisch auf deine braune Haut." Ich spürte, daß etwas daran nicht stimmt, aber meine Eltern spürten da nichts. 
Die Erwachsenen der 70er waren in ihren Köpfen gefangen, in ihrer Ablehnung des HitlerReiches, in ihrem Versuch, alles besser zu machen als die eigene Eltergeneration. 
So konnten mich die Kindergärtnerinnen nicht in Schutz nehmen, wenn ich weinte, weil beim Spiel 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann' alle vor mir fortliefen, wenn ich es hasste, das die "10 kleinen N*lein" gesungen wurden, wenn ich aufgefordert wurde, zu zeigen, ob ich am ganzen Körper so aussähe wie Kakao. 
Die Erwachsenen mussten diese Vorfälle relativieren, bagatellisieren, weil sie sonst hätten eingestehen müssen, daß wir in einer rassistischen Gesellschaft leben. Das ich in meiner Würde bedroht werde. Sie hätten mit all den Eltern und Lehrern reden müssen, über eine Form der Ausgrenzung, für die sie Weder Verständnis noch überhaupt  Worte hatten.
Wenn ich geschubst, ausgelacht und gehänselt wurde, waren meine Lehrer_innen überzeugt, ich hätte es selbst herausgefordert. "Was hast Du denn vorher gemacht?" fragten sie, weil es ihnen unvorstellbar war, daß es tatsächlich einfach Rassismus war, der mich ausgrenzte. 
Geschult durch die Frauenbewegung war meinen Eltern institutionelle Ausgrenzung durchaus geläufig, so wiesen mich darauf hin, das ich mich überdurchschnittlich anstrengen müsse, wenn ich positiv wahrgenommen werden wolle, aber die alltägliche Diffamierung blieb ihnen unsichtbar. 
Meine Eltern sind keine schlechten Menschen, ganz im Gegenteil, sie sind wundervolle, engagierte, sensible Menschen. Leider waren sie damals Farbenblind. "Du bist genau wie alle anderen", sagten sie mir. Das stimmt nicht. Ich bin anders
Alle sind anders.
"Da stehst Du doch drüber" sagten sie. Aber das Wort schmäht, es verletzt, es definiert mich in eine Gruppe. Es sagt:'Du gehörst nicht dazu.', Du bist nicht eine von vielen, Du bist anders. 
Nochmal: Alle sind anders.
Meine Hautfarbe ist mein Stigma. Sie definiert mich. Sie ist das Merkmal, das wahrgenommen wird, ich kann sie nicht verstecken. Ich werde über sie beschrieben, wiedererkannt. Und sie ist mit Vorurteilen behaftet. Sowohl mit bewussten als auch mit unbewussten. 
Das macht nichts. 
Wichtig, für den Fall, das es richtig erscheint und den eigenen Werten entspricht, ist nur, sich diesen Vorurteilen zu stellen, sie zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren.  In jedem Einzelfall.
Anderenfalls bin ich gern bereit Borniertheit, Dünkel, Ignoranz und rassistische Sprache zu diagnostizieren.
Wenn Worte belanglos wären,dann könnte sich ja keine_r derer, die jetzt von Sprachpolizei rumeumeln darüber aufregen, daß sie dafür Rassist_innen genannt werden.
Nicht nur einmal bin ich steif vor Angst weitergegangen, wenn es mir nachgerufen wurde. Ich habe es unzählige Male gehört und mich ohnmächtig gefühlt. Es triggert mich. Auch, wenn es 'im Spaß' gesagt wird. Als N*puppe. Als N*Kuss. Als N*Eis. 
Es erinnert mich daran, daß es ein leichtes ist, mich auszugrenzen, mir meine Würde abzusprechen, mir das Recht abzusprechen, der Unverletzbarkeit meines Körpers sicher zu sein.
Und wie komme ich nun dazu, aus meiner persönlichen Betroffenheit heraus, eine politische Forderung zu stellen?
Die feministische Arbeit hat vor 40 Jahren bereits aus einer Position der Betroffenheit daraufhingewiesen, daß das Private politisch ist. Mit der Forderung auf den Verzicht auf diffamierende Sprache vertrete ich nicht nur meine Empfindlichkeit, sondern ich verlange den Verzicht darauf, mich rassisch zu gruppieren, mich fremdzudefinieren, mich exclusiv zu behandeln. Ich verlange, daß ich als Person wahrgenommen werde. Ich bestehe darauf, als Mensch erlebt zu werden. Huch.


Montag, 21. Januar 2013

Die Freiheit, zu gehen

Das ist so schön, so wunderschön, dass es so etwas wie die 'Occupy'-Bewegung gibt. (Huch, muss ich schon fast gab schreiben?) Junge Menschen, die etwas miteinander machen wollen, die sich nicht durch überkommene Strukturen gängeln lassen wollen, die den Machthabern, den Eliten lächelnd ein Miteinander entgegensetzen wollen. Toll. Junge Menschen, die neue Wege suchen, die bereit sind Anteil zu nehmen am Leben derer in NordAfrika, in Spanien, in Griechenland, in Persien, bereit sind deren Anliegen solidarisch zu begleiten. Sicher, die Sprache ist nicht meine, es geht nicht um 'Links oder Rechts', dies ist nicht die Fortsetzung des antikapitalistischen Kampfes der seit der franz. Revolution währt. Vermutlich ist das so, weil die gemeine Occupist_in sich eben nicht als Teil einer (besitzlosen) Klasse definiert, sich nicht in die Tradition des Klassenkampfes stellt. Daher auch die Weigerung, sich hinter konkreten Forderungen zu vereinen, es geht um das ausdrücken einer, oft sehr persönlichen, Befindlichkeitsstörung. Daher keine allgemeine, strukturelle Kritik, daher keine generelle Ablehnung der Institutionen deren Existenzberechtigung im Schaffen von Profit mit Hilfe menschlicher Opfer auf den Altären der Kapitalisten liegt. Denn das würde entzweien, das würde dem ganzen das spielerische Moment nehmen, der Happening-Charakter ginge verloren. In der Welt des positiven Denkens ist das ernsthafte Ringen um Positonen verpönt. Stellung wird nach Gutdünken bezogen, recherchiert wird nicht, Meinungen werden sich aus den verschiedesten Strömungen herausgepflückt und ziellos zwischen Zeitgeist und RetroModeLabels getändelt.Das die Machthabenden so leichtes Spiel haben einer Bewegung den Atem zu nehmen, hätte klar sein können. Da braucht es nur ein wenig Druck auf den Einzelnen und schon ist der Blick gerichtet auf den eigenen Teller.
Denn es soll Alles für Jede_n sein.
Da gilt es Karriere zu machen, d.h. nicht irgendeine Lohnarbeit, die, womöglich schlecht bezahlt, ausbeuterischen Regeln folgt, sondern eine Aufgabe, die geistige Erfüllung verspricht. Die einen gewissen Lebensstandard garantieren soll. Zumindest irgendwann.
Da ist die Partnerschaft, von der wir uns Geborgenheit und Wärme versprechen. Der wir abverlangen, dass sie uns in seelischen Nöten auffängt und rettet.
Es braucht Zeit für Sport zur Erhaltung der eigenen Fitness und zum Stressabbau.
Gesunde Ernährung, darum dass Wissen um dieselbe.
Für das soziale Gewissen Fair gehandelte Ware.
Ein individuelles Hobby. Vielleicht mehrere. Sich jeden Tag, jede Stunde neu erfinden.
Die Pflege gewählter sozialer Kontakte.
Es sollen da auch Kinder sein. Und zur vorteilhaften Prägung derselben ein ausgeklügeltes Förderungsprogramm.
Vielleicht noch ein Tier?
Was irgendeine erreichen kann, was irgendjemand je erreichte, dafür muss der Weg offen stehen.
Das wäre ungerecht, wenn es nicht für Jede_n, den eigenen Anstrengungen entsprechend, nach oben ginge. Den Zurückgelassenen ein Almosen gewährend.
Ungerecht, wenn die Erfüllung des Kinderwunsches der Selbstbestimmung im Weg stünde. Ungerecht, wenn ein moralischer Anspruch uns verwandtschaftliche Verpflichtungen aufhalste. Vielleicht sogar Pflege.
Ungerecht eingebunden zu sein, in ein Netz, das uns nötigt Rücksicht zu nehmen auf Bedürfnisse Anderer, dass uns eingeschränkt. Das uns in ein Korsett aus Auflagen zwingt, die wir nicht selbst erwählt haben.
Ungerecht, das die Welt, das Aussen uns nicht unterstützt, den ausgeklügelten Lebensentwurf umzusetzen.
Ungerecht, das wir eingeordnet werden, nicht nach gerechten Maßstäben, sondern nach der Erkenntniskompetenz des Gegenübers.
Ungerecht,wegen der Ausbeutung von Kindern verzichten zu sollen auf die Lieblingsschokolade.
Ungerecht No-Go-Areas zu kennen.
Ungerecht, wegen des gewählten OutFits angemacht zu werden.
Ungerecht,
http://jungle-world.com/artikel/2012/35/46161.html